Nora GOMBERG-WERZHBINSKAJA

Russisch-österreichische Kunsthistorikerin (1912-2002)
Biographische Notiz ihrer Tochter Nina Rabinowich-Werzhbinskaja


Kindheit

Meine Mutter, Eleonora Petrovna (im Folgenden Nora) Gomberg-Werzhbinskaja, wurde am 5. November 1912 in Elisawetgrad (heute Kirowograd) in der Ukraine geboren. Sie war ein Einzelkind. Ihre Mutter, Miriam Bella Elisawetinskaja (später Maria Semjonownja1), stammte aus einer armen jüdischen Familie, war väterlicherseits früh verwaist, wurde von der Mutter aufgezogen, und absolvierte (mit Hilfe der jüdischen Gemeinde, die der Witwe mit zwei Kindern beistand) das russische Gymnasium. Marias jüngerer Bruder, also mein Großonkel, starb mit 9 Jahren, als ihn sein Nachbar und Cousin beim Spiel unglücklicherweise in eine Grube mit ungelöschtem Kalk stieß nämlich Grigory Zinoviev2, künftiger Revolutionär, Liebling Lenins und Leiter des Antisowjetischen Terroristischen Zentrums3, mit dem Stalin in den 30er-Jahren ohne Schonung der nächsten Verwandten abrechnete. Darüber mehr später.

Noras Vater, Paysach Chaim Gomberg4, war der Sohn eines reichen Kaufmanns und Inhabers eines Kaufhauses (die Verheiratung meiner Großeltern mütterlicherseits war offensichtlich eine Vernunftehe). Sohn Paysach wurde zum Studium des Ingenieurswesens nach Zürich geschickt, denn wegen Zugangsbeschränkungen für Juden konnte er in Russland nicht die Universität besuchen. Miriam Bella fuhr zu ihm (die Reise finanzierte ihr Schwiegervater), nachdem sie von seiner Quartiergeberin alarmierende Signale erhalten hatte, dass ihr junger Gemahl faulenze und seine Studien überhaupt aufgegeben habe. Der junge Gomberg war nach den Erzählungen meiner Mutter ein nicht standardgemäßer Jude, er liebte den Zirkus und Zirkusleute und führte folglich später seine kleine Tochter dorthin und hinter die Kulissen. Durch Eifer und Tatendrang zeichnete er sich zur großen Erbitterung seiner Eltern und Ehefrau nicht aus. Nach einem Jahr oder etwas länger erfolglosen Auslandsstudiums kehrte Paysach nach Elisawetgrad zurück, wo er in den Dienst seines Vaters eintrat. E. P. wurde nach vielen Ehejahren geboren, als es schon schien, dass ihre Eltern keine Kinder haben würden. Davor reiste Miriam Bella das zweite und letzte Mal ins Ausland, nämlich in die Schweiz (übrigens mit dem Zug über Wien), wo sie behandelt wurde, und danach wurde sie schwanger.

Bis zur Revolution verlief das Leben in der Stadt und der Familie ziemlich monoton, doch nach 1918 änderte sich alles: es begann der Bürgerkrieg, allwöchentlich wechselte die Macht in der Stadt zwischen den Weißen, Roten und Grünen den Anhängern Machnos5, Petljuras6, Grigorievs7, oder schlicht von Banden. Bei einem Pogrom erschlugen 1918 jugendliche bewaffnete und betrunkene Anhänger Grigorievs Noras Vater, meinen Großvater. Kinder und Frauen entkamen im letzten Moment. Das prägte sich ihr ins Gedächtnis ein, wie auch die folgenden Pogrome, als sie mit ihrer Mutter aus dem Haus aufs Feld flüchtete, Berittene an ihnen vorbeistürmten und sie im Kukuruz-Feld versteckt mit kindlicher Neugier auf Pferdebeine wenige Meter von sich entfernt blickte.

1923 zieht Miriam Bella mit der elfjährigen Nora aus dem zerstörten Städtchen und dem verwüsteten Haus nach Petrograd, wo ihr Verwandter (und versehentlicher Totschläger ihres Bruders) Grigory Zinoviev einen hohen Posten innehat. Zu ihm wurde sie nicht vorgelassen, aber die kleine Nora erinnert sich, dass sie und ihre Mutter von seiner Frau empfangen wurden und von ihr die Zuweisung für ein Zimmer in einen Gemeindebau erhielten.

Ein neues Leben in Petrograd/Leningrad

Ein neues Leben begann, in dem alles anders war: eine Großstadt, der Schulbesuch gleich ab der fünften Schulstufe (bis dahin erhielt Nora Privatunterricht zu Hause, denn während des Bürgerkriegs in der Ukraine konnte von Schule keine Rede sein)8.

Neben der Schule setzte Nora die schon in Elisawetgrad begonnene musikalische Ausbildung fort das Klavierspiel, wofür sie besonders begabt war. Glücklicherweise war sie in dem Städtchen gleich an eine wunderbare Lehrerin geraten, die Mutter Genrich Neigaus, des berühmten Musikers und Begründers der weltweit anerkannten Russischen Klavierschule. In Piter9 hat sie wieder Glück, denn sie studiert an der Musikhochschule bei der erstklassigen Nina Georgijewna10, die ihr eine musikalische Karriere und die Fortsetzung ihrer Ausbildung am Konservatorium vorhersagt. Nora, die sich von Jugend an mit Kunst beschäftigen wollte und den Weg dazu über die Literaturwissenschaft einschlug, bedauerte es nie, dass sie ihrer Lehrerin nicht gefolgt und keine professionelle Musikerin geworden war, wenngleich Musik sie bis in ihre letztenTage begleitete.

Zunächst fühlte sich Nora in der Schule sehr unwohl: Als Neuling fremdelte sie gegenüber den anderen Kindern, die sie noch dazu wegen ihres südrussischen Akzents verspotteten. Das ging allmählich vorbei, sie gewann Freunde und in den höheren Klassen entstand eine Gemeinschaft, deren Mitglieder Freunde fürs Leben blieben. Nach ihrem Schulabgang mit fünfzehneinhalb Jahren (damals gab es nur 9 Schulstufen) wurde Nora als Tochter einer Angestellten - die Mutter war zuerst Kassiererin und später Leiterin einer Bäckerei - im ersten Herbst zunächst nicht zum Universitätsstudium zugelassen. Aber nach Jahresfrist tritt sie in die Russische Abteilung der Philogischen Fakultät der Leningrader Universität ein, wo sie voll Begeisterung studiert, wenngleich ihr Traumstudium, das der Kunstwissenschaft, an dieser Universität als eigenständige Richtung damals nicht existierte.

Ein entscheidendes Erlebnis aus dieser Zeit, wovon sie häufig sprach, war ihr zeitweiliger Ausschluss wegen Bekundung kleinbürgerlichen Geistes, der sich darin ausdrückte, dass sie Mitstudenten zum Geburtstag zu sich einlud. Zwei der Eingeladenen beschrieben in der Anzeige gegen sie, wie dieses klassenfremde Element versuche, sich die Sympathie des jungen Proletariats anzueignen. So schwer vorstellbar es heute ist, aber das Verfahren nahm seinen Lauf, und Nora wurde vom zweiten Studienjahr ausgeschlossen. Für dieses schüchterne Mädchen eher überraschend, erwies sie sich als selbständig und beharrlich, beantragte ihre Wiederaufnahme wegen Mangels an Tatbeständen und begab sich zur Universitätsleitung. Ihr Widerstand war von Erfolg gekrönt, sie wurde wieder in ihrem Kurs zugelassen. Jene beiden, die sie beschuldigt hatten, blieben ihre Studienkollegen, der eine erstattete in den folgenden Jahren munter weitere Anzeigen, die für die Beschuldigten nicht nur mit Ausschluss vom Studium, sondern auch mit Verhaftungen endeten11.

Eine zweite, für diese Zeit typische und noch bedrohlichere Episode war ein Anruf beim Lehrstuhl für Literatur aus dem GPU12, worin gefordert wurde, die Studentin Eleonora Gomberg habe sich unverzüglich bei dieser Vorläuferorganisation des KGB auf dem Litejni-Prospekt, im so genannten Großen Haus, einzufinden. Das war zu der Zeit, als Stalin begann, nicht nur mit seinen bereits entmachteten Gegnern abzurechnen, mit den Führern der so genannten rechten Opposition Zinoviev und Kamenev13, sondern auch mit deren Verwandten. Zinovievs Vater, Ehefrau, Sohn, Brüder und Schwestern (und auch deren Ehepartner) waren bereits verhaftet oder hingerichtet, nun wurden Cousins, Cousinen und deren Kinder ins Visier genommen. Auf dem Weg ins Grosse Haus machte die 18-Jährige Nora einen Abstecher zum Arbeitsplatz ihrer Mutter, um ihr zu sagen, wohin man sie vorgeladen hatte, für den Fall, dass man sie nicht wieder sehen würde, und erschien auf der Litejni. Bei der Registratur nannte sie ihren Namen, und man erklärte ihr, dass sie keine Zugangsberechtigung habe. Auf die naive Frage, was sie nun tun solle, fasste der Diensthabende sie ins Auge und erklärte nachdrücklich: Geh nach Hause, Mädchen! Diesem Rat folgte sie auch. Man kann nur der Schlamperei und dem noch nicht angebrochenen Computerzeitalter danken, die solche Fehlleistungen ermöglichten.

Studium und Lehrtätigkeit

Der Unterricht an Universitäten war damals ziemlich ungewöhnlich: eine Möglichkeit, eine Prüfung zu bestehen, war die so genannte Gruppenmethode, wobei die Antwort eines Studenten der ganzen Gruppe zugeschrieben wurde. Wenn man wollte, konnte man jedoch eine gute Bildung bekommen viele glänzende Unterrichtende waren noch nicht interniert oder entfernt. Ziemlich erstaunlich war auch, dass E. P. das Thema ihrer Dissertation nach ihren eigenen Wünschen wählte und anerkannt bekam - Blok14 und die Poeten- Symbolisten. Neben der Aspirantur und der Arbeit an der Dissertation begann sie, an der Universität als Assistentin zu arbeiten und zu unterrichten.

So hatte sie zum Zeitpunkt ihrer Emigration 1977 mehr als vierzig Arbeitsjahre an der Leningrader Universität hinter sich. Aber man zahlte ihr die Pension für nur 12 Monate aus und das wars dann. Während der 25 Jahre ihres Lebens in Wien kam keine Pensionszahlung aus Russland. Es ist Österreich zu danken, das alle seine Bewohner über 65 Jahre unterstützt werden, unabhängig davon, in welchem Land sie in ihrer aktiven Zeit arbeiteten, oder nicht.

Erste Ehe, erstes Kind

In der zweiten Hälfte der 30-er Jahre ereignen sich, neben der Verteidigung ihrer Dissertation und ihrer Arbeit an der Universität, noch andere wichtige Dinge in Noras Leben. Sie begegnet einem jungen Sprachwissenschaftler, Assistenten am Lehrstuhl für Russisch, der sich in vielfacher Hinsicht von ihren sonstigen Freunden und Kollegen unterschied: Semjon (nach seinem Pass Chairulla Chabebulowitsch) Machmudov, der aus einem tartarischen Dorf bei Kasan und einer Familie stammte, in der nicht Russisch gesprochen wurde und die Mutter Analphabetin war, wahrhaftig einer jener, die nach sowjetischer Diktion alles der Revolution zu verdanken hatten. In der Tat wäre jemand seiner Abstammung und noch dazu ein Andersgläubiger (Muslim) ohne die Revolution selbst mit den blendendsten Fähigkeiten kaum je an eine Universität gekommen, hätte nicht das Doktorat gemacht, dann jahrelang an seiner Professur gewerkt und wäre nie schließlich Lehrstuhl-Inhaber für Russisch in Alma- Ata15 geworden.

Dazu ist zu sagen, dass er nie Parteimitglied wurde (eine Seltenheit bei seiner gehobenen Position) und Stalin nicht ausstehen konnte. Er war ein sehr begabter, aber grober und unbeherrschter Mensch. Einerseits teilte er Noras literarische Interessen und Leidenschaften, andererseits existierte sehr vieles aus ihrer (inneren) Welt für ihn einfach nicht. Er war völlig anders als die Nora sonst umgebenden Menschen, und ihre beste Freundin drückte die allgemeine Einstellung des Freundeskreises zu dem neuen Mitglied mit den Worten aus: Wir alle hatten Angst vor ihm. Er war auch eifersüchtig und nicht immer nüchtern, nichts desto weniger war es wahrscheinlich insbesondere seine exotische Besonderheit in Verbindung mit seiner Begabung für die ihnen gemeinsame geliebte Sache, die aus der Intellektuellen Nora und dem enfant terrible ein Paar machten. Im August 1937 wurde ihr Sohn Alexej geboren. Machmudov, der sich zu der Zeit bei seiner Familie im Dorf aufhielt, erachtete es nicht als notwendig, sich anlässlich der Geburt seines Sohnes von seiner Mutter zu entfernen. Wenngleich nach der damaligen Tradition die Ehe nicht registriert wurde, erkannte Machmudov seinen Sohn Aljoscha nicht nur an und gab ihm seinen Familiennamen, sondern war in der Folge immer auf ihn stolz.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges sah Noras Leben wie folgt aus: ihr Gefährte wurde 1940 nach der Verteidigung seiner Kandidatur als Lehrer an die Universität nach Alma-Ata geschickt, was er als vorübergehend, für drei Jahre, ansah, mit einer danach folgenden Rückkehr nach Leningrad. Nora selbst, die auch bereits ihre Dissertation verteidigt hatte, war Dozentin für russische Literatur, lehrte Geschichte der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, aber das Hauptthema ihrer Forschung blieben die symbolistischen Schriftsteller der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Während der Sommerferien ohne Unterrichtsverpflichtungen begann sie 1941 mit Führungen im als Museum neu eröffneten Penaten16 genannten Wohnhaus I. J. Repins17, wohin sie mit dem dreijährigen Sohn fuhr.

Flucht nach Alma-Ata

Dort erreichte sie am 22. Juni die Nachricht über den Beginn des Krieges mit Deutschland. Schon in den ersten Wochen reifte ihr Entschluss, ihr Kind nicht in eines der Evakuierungszentren zu geben, sondern aus der Universität auszuscheiden und sich mit ihm und einer Freundin (die ebenfalls eine dreijährige Tochter hatte) vor den blitzartig vorrückenden deutschen Truppen ins Hinterland nach Osten durchzuschlagen. Bis Kuibyschew18 reisten sie zu viert mit den Kindern, Koffern, Kindernachttöpfen, stiegen dann vom Zug auf einen Lastkahn um, wobei sie die Fahrkarten jeweils auf Bahnhöfen und bei Schiffsanlegestellen kauften. Von Kuibyschew, wo die Freundin mit der Tochter ausstieg, schlug sich Nora alleine mit dem Sohn bis zum ersehnten Alma-Ata durch, wo ihr Mann und Vater ihres Kindes wartete.

Sie hatte Glück, weil man Mitarbeitern der Leningrader Universität in Alma-Ata Arbeit gab. Sie erhielt eine Anstellung als Lehrerin an der Fakultät für russische Literatur und traf dort einige frühere Kollegen, jene, die nicht an die Front gegangen waren. Die interessantesten Leute aus allen Ecken des Landes versammelten sich in dieser großen, aber natürlich provinziellen Stadt. Die Universität war zweifellos ein Treffpunkt für Studenten aus Moskau, Leningrad, dem Ural, aus der Ukraine, dem Baltikum und Zentralasien. Sie wurden von Professoren der größten Universitäten Russlands unterrichtet, wahrhaft erstklassigen Gelehrten, darunter Naum Jakovlewitsch Berkovskij, Viktor Maximowitsch Schirmunskij und vielen anderen.

Das Leben in Alma-Ata war natürlich entbehrungsreich und schwer, aber nicht zu vergleichen mit den Beschwernissen in jenen Teilen des Landes, in denen der Krieg tobte oder die Front nahe war. Die Unterrichtenden lebten in ganzen Familien in Studentenheimen, Nora teilte das Zimmer mit Sohn, Ehemann, Mutter und einem nach schwerer Verwundung demobilisierten Verwandten. Wer konnte, verkaufte auf dem Flohmarkt Sachen wie Schmuck, und Mama erzählte, wie eine ihrer eher wohlhabenden Studentinnen sich nicht scheute, ihr etwas abzukaufen, das sie verkaufte, um für den kranken Aljoscha Lebensmittel zu bekommen, die man auf Karten nicht bekam.

Mama erzählte häufig über den eigenständigen Kreis, den ihre talentierte und selbstständig denkende Studentin Dora Stuk organisierte. Diese Studentengruppe versammelte sich regelmäßig im Wohnheim, sie diskutierten philosophische, politische und literarische Fragen, drückten ihre persönlichen Ansichten aus, versteckten sich in keiner Weise und keiner von ihnen hielt sich für anti-sowjetisch. Dennoch zeigte irgendeiner die Gruppe an, und alle außer einem (den die Gruppenmitglieder als Provokateur verdächtigten, wenngleich dies scheinbar unbewiesen blieb) fanden sich im Lager wieder. Viele Jahre wusste Mama nichts über das Schicksal dieser ihrer Lieblingsstudentin, aber sie erinnerte sich immer an sie. Und siehe da, schon in den ersten Wochen der Emigration, im Winter 1977-78, und noch im Wiener Hotel liest sie in der Zeitschrift Die Zeit und wir einen Artikel von einer Dora Sturman und dazu auch die Biographie der Autorin, die ganz nach der Geschichte ihrer Studentin klang. Nora schreibt an die Adresse der Redaktion und bekommt eine Antwort: Liebe Noratschka! Natürlich bin es ich.. Der Altersunterschied zwischen ihnen betrug 9-10 Jahre, Lehrerin und Studentin waren per Du. Unter dem Pseudonym Sturman dem Mädchennamen ihrer von den Nazis ermordeten Mutter hatte Dora noch in der Sowjetunion im Samisdat19 publiziert, war weithin bekannt und emigrierte Anfang der 70-er Jahre nach Israel, als es gefährlich wurde, im Land zu bleiben, jedenfalls wenn man im Westen, wenngleich unter Pseudonym, drucken ließ. Ein Jahr nach ihrer Ausreise aus Russland war Nora bei Dora Sturman in Israel zu Gast, und so fand diese tragische Erinnerung aus Zeiten der Evakuierung in Alma-Ata ein glückliches Ende. Die Verbindung zwischen ihnen blieb, wenn auch nur brieflich, bis ganz zum Schluss erhalten.

Rückkehr nach Leningrad

Dreieinhalb Jahre verbrachte Nora in Alma-Ata, und dorthin kam schon nach dem ersten Blockade20-Winter auch ihre abgemagerte, aber am Leben gebliebene Mutter. Als der Blockadering gesprengt und eine Rückkehr nach Leningrad möglich wurde, eilte Nora unverzüglich in die Stadt, die ihr zur Heimat geworden war, wenngleich sie dort nicht geboren war. Die Familie Mutter, Sohn und Mann blieb in Alma-Ata, bis Obdach und Anstellung als Lehrerin für Nora wieder vorhanden wären. Noch vor Kriegsende kehrte sie somit in das zerstörte Leningrad zurück, bekam mit Mühe ihr Zimmer wieder, worin sich während der Belagerung Fremde einquartiert hatten, und wurde erneut als Lehrende am Lehrstuhl für russische Literatur der Universität aufgenommen.

Später, als an der Geschichtsfakultät der Universität ein Lehrstuhl für Kunstgeschichte eingeführt wurde, wechselt sie zu diesem, nachdem sie das dafür nötige Material durchstudiert hat21, und der Traum ihrer Jugend, Kunstwissenschaftlerin zu werden, wird Realität. Nach einigen Monaten kommen die Familienangehörigen aus Alma-Ata nach, mit Ausnahme des Ehemannes, der an seinem Lehrstuhl bleibt, bis er Arbeit in Leningrad erhalten würde. Dazu wird es nicht kommen nach weniger als einem Jahr erfährt Nora nicht direkt von Machmudov, sondern über gemeinsame Freunde, dass er nirgendwohin zu fahren gedenkt und dass er ein Kind von jener Frau erwartet, die später seine zweite Ehefrau wird.

Zweite Ehe, zweites Kind

Das Leben Noras tritt in eine neue Phase ein: alles ändert sich die Stadt und auch der Kontinent (aus Asien zurück nach Europa), der Beruf und nicht zuletzt ihr persönliches Leben. In einer neuen Rolle tritt ein Mensch ihr Leben, der von der Front zurückgekehrte Michail Ljubowitsch Werzhbinskij, den sie aus Vorkriegszeiten kannte. Als Mathematiker und nicht Philologe stammt er formell aus anderen Wissenschaften und ist dennoch gänzlich ein Mensch der Kunst, ein begabter Künstler, Liebhaber und Kenner von Musik und Literatur. Vor dem Krieg erschien er Nora als ein Gutsherrlein22, fast unmännlich intelligent, als Mann gefiel er ihr damals nicht. Ungeachtet der Befreiung vom Militärdienst, den ihm seine Berufung als Dozent ermöglicht hätte, ging er an die Leningrader Front, wo er als ballistischer Experte in einem Artillerieverband den ganzen Krieg an vorderster Linie verbrachte. Irgendwie bekam er Noras Adresse in Alma-Ata, schrieb ihr einige male und schickte auch sein Photo von der Front. Der abgemagerte und Kahlgeschorene Werzhbinskij (so blieb er auch nach dem Krieg sein ganzes Leben lang) unterschied sich dermaßen von dem früheren, dass sie ihn nur mit Mühe wieder erkannte.

In ihrem Schicksal gab es viel Gemeinsames ihre Kinder waren im gleichen Jahr, sogar im selben Monat geboren, beide hatten gescheiterte erste Ehen hinter sich und den Wunsch, ein neues glückliches Leben zu beginnen, ein Wunsch, der nach den vielen Jahren des schrecklichen Krieges weit verbreitet war. Etwa ein Jahr nach der Geburt der Tochter Machmudovs in Alma Ata kam in Leningrad Noras Tochter auf die Welt die Autorin dieser Zeilen. Auf der Datscha im Sommer wurde die Familie ganz groß: drei Kinder. Das hieß: meine Kinder, deine Kinder, unsere Kinder, also die Kinder aus den ersten Ehen Noras und Werzhbinskijs, Alexej, Gleb und die um 10 Jahre jüngere gemeinsame Tochter Nina.

Damit endet mein Rückblick auf meine Herkunftsfamilie, der jedoch unerlässlich ist, damit nicht ein verzerrtes Bild meiner Mutter als irgendeines Bücherwurms oder Blaustrumpfs entsteht sie war eine Frau, in jeder Hinsicht und Bedeutung dieses Wortes.

Schwierige Zeiten

Mir erscheint diese Zeit Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre hinsichtlich des Lebens im Lande und konkret meiner Mutter sehr widersprüchlich. Einerseits die Wiederauferstehung nach der schrecklichen Katastrophe von vier Kriegsjahren und Millionen Toten, andererseits die beispiellose, von Stalin inszenierte Unterdrückung der Terror, der keineswegs 1937 nachließ, 1947 wieder begann und noch bis zu seinem Tod 1953 zunahm.

Am Lebenslauf Noras kann man den Verlauf der Geschichte im Großen und Kleinen verfolgen: Die Familie, der liebende und geliebte Mann, die relativ späte Geburt des gemeinsamen Kindes; Der Übergang Noras zu einer neuen Spezialisierung (Kunstwissenschaft) und der Erfolg dabei; Das Leben in der geliebten Stadt, das Zusammensein mit alten aus dem Krieg heim gekehrten Freunden und Bekannten.

Und andererseits: die schwierigen Wohnungsbedingungen, die nur deshalb zu ertragen waren, weil alle oder fast alle so lebten und der Vergleich mit besseren Umständen fehlte: Kommunalwohnungen23, wo in den Nachkriegsjahren bis zu 30 Menschen lebten und sich Küche, Badezimmer und Toilette teilten; Das Kochen auf einem Petroleumkocher, die unausweichlichen Krawalle, das Fehlen jedweder, das Haushalten erleichternden Maschinen, von Waschmaschinen bis zu Geschirrspülern.

Dass Nora sich neben der Familie mit ihrer Lehrtätigkeit beschäftigen und Mitte der 50er Jahre Bücher über russische Kunst schreiben und herausgeben konnte, ist eigentlich nur daraus erklärlich, dass sie zusammen mit ihrer Mutter, einem betagten Verwandten und einem Kindermädchen für das jüngere Kind wohnte, die den Löwenanteil der häuslichen Besorgungen erledigten. Das erleichterte zweifellos das Leben und ermöglichte freie Zeit für schöpferische Arbeit, verursachte aber andererseits eine unglaubliche Spannung zwischen den gedrängt zusammen wohnenden Familienmitgliedern unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Ansichten und nicht einfachen wechselseitigen Beziehungen. Unsere Familie war dabei sozusagen privilegiert: in drei großen Zimmern lebten sieben Menschen (inklusive der wechselnden Kindermädchen), die anderen Nachbarn konnten von solchem Luxus nicht einmal träumen. In der Regel gab es für eine Familie nur ein Zimmer.

Kosmopolitismus

Was die neue Terrorwelle angeht, kam es nicht zum Schlimmsten der Verhaftung -, wenngleich Nora 1951 im Zusammenhang mit der beginnenden antisemitischen Kampagne, dem so genannten Kampf gegen den Kosmopolitismus24, von der Universität entlassen wird. Es gelingt ihr, am selben Lehrstuhl als freiberufliche Mitarbeiterin mit einem miserablen Stundenlohn zu unterrichten. Gegen meinen Vater M. L. Werzhbinskij, Lehrstuhlinhaber für Mathematik am Montanistischen Institut, und noch einige Kollegen derselben Herkunft wurde 1953 im Zuge der Aufdeckung der Kosmopoliten ein Verfahren wegen zionistischer Verschwörung eingeleitet. Glücklicherweise blieb das Verfahren ergebnislos, dank dem (buchstäblichen) Ende Stalins im März dieses Jahres.

Berufliche Erfolge

Nach diesem erfreulichen Ereignis wird Nora wieder in ihre Funktion als Dozentin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte eingesetzt. Bald wird auch noch ein anderer ihrer Träume wahr: sie bekommt die Möglichkeit, ein Buch über ihren Lieblingsmaler M. Wrubel25 zu schreiben. Im Verlag Kunst sieht Nora im Verzeichnis erlaubter Themen seinen Namen und schließt gleich einen Vertrag über eine, wenn auch kleine, nach einem Jahrzehnt des Verschweigens erste Monographie über diesen bemerkenswerten Künstler ab. 1959 kam dieses kleine, in Anbetracht vieler luxuriöser, später veröffentlichter Werke zu diesem Thema bescheiden ausgestaltete Buch heraus, doch Nora war darauf stolzer als auf alle ihre weiteren Publikationen. Als populärstes Buch meiner Mutter muss man das mehrfach in großen Auflagen gedruckte Buch Peredwischniki26 bezeichnen. Von ihren anderen Büchern nenne ich Kunst und Revolution 1905 (1960); Kunst und Betrachter (1961); Wrubel, Briefwechsel und Erinnerungen an den Künstler (1963).

Erwähnenswert ist insbesondere ihre Mitwirkung bei der Vorbereitung der Herausgabe der Korrespondenz des Künstlers Konstantin Somov27. Zusammen mit den Mitautorinnen A. Sweschnikova und J. Polkopajeva wurde nach mehrjähriger mühseliger Arbeit eine für den Kunstinteressierten sowjetischen Leser höchst interessante Publikation über diesen in der Emigration verstorbenen und dem breiten Publikum lange unbekannten Künstler des Kreises Die Welt der Kunst vorbereitet. Das 45-seitige Vorwort stammt von Nora allein, und alles war schon zum Druck bereit, als bekannt wird, dass sie sich zur Emigration aus der Sowjetunion anschickt, worauf die Publikation das rote Licht erhält. Die Arbeit der drei Autorinnen und, was am wichtigsten ist, die Erinnerung an den jahrelang tot geschwiegenen Künstler, erscheinen gefährdet. Nora fasst einen Entschluss sie entfernt ihren Namen aus dem Manuskript, sowohl als Bearbeiterin des Materials als auch als Autorin des Vorworts, sie dankt ab, wonach das Buch das Licht der Welt erblickt28.

Was das berufliche Wirken meiner Mutter betrifft, ist schwer zu sagen, was ihr wichtiger war die Lehre oder die Arbeit an Büchern. Das Besondere am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Historischen Fakultät der Leningrader Universität war der außerordentlich enge Kontakt der Lehrenden mit den Studierenden, insbesondere mit den Doktoranden und Diplomanden. Die kleine Zahl der am Kurs teilnehmenden Studenten, die Begeisterung und auch der Altruismus der Lehrer führten zu der einmaligen Situation, dass die Arbeit mit den Studenten, neben den Vorlesungen, Seminaren und der Beratung gewidmeten Stunden am Lehrstuhl, oft zu Hause bei der Lehrenden stattfand. Ich weiß nicht, ob das auch bei anderen Pädagogen üblich war, aber in unserem Haus fanden fortwährend solche zusätzlichen Unterrichtsstunden statt, und viele der Studenten und Doktoranden verwandelten sich gewissermaßen in Familienmitglieder. Und natürlich blieben einzelne unter ihnen Freunde fürs ganze Leben. Generationen von Zöglingen Noras arbeiten auch jetzt noch in verschiedenen Abteilungen der Ermitage oder des Russischen Museums29, als Herausgeber oder Lehrende am selben Lehrstuhl für Kunstgeschichte. Meine Mutter war auf ihren wissenschaftlichen Nachwuchs sicher stolz, auch wenn sie nicht laut darüber sprach.

Musik und Reisen

Ihr ganzes Leben kannte und schätzte meine Mutter Musik, wenngleich sie darauf verzichtet hatte, sich ihr beruflich zu widmen. Der Besuch von Konzerten war für meine Eltern nicht Teil eines mondänen Lebens, sondern ein unverzichtbares Bedürfnis, beide waren ständige Besucher der Leningrader Philharmonie und stellten sich in Menschenschlangen um Karten für interessante Konzerte an. Für manche besonders begehrte Konzerte (ausländischer Musiker oder Swatoslav Richters aus Moskau) gab es Listen schon ein Jahr vor deren Gastspielen, mit den üblichen nächtlichen Menschenschlangen in kalten Leningrader Nächten zwecks Vormerkung auf diesen Listen. Nach zwei bis drei solcher Wachen in Abständen einiger Monate gingen meine Eltern zum Konzert, und das war für sie so gut wie eine Reise ins Ausland, von denen damals niemand oder fast niemand träumen konnte. Und das nicht wegen Geldmangels.

Reisegruppen (die einzige Möglichkeit, in die Länder der Volksdemokratien30 und in den verderbten Westen zu reisen) wurden streng nach politischer Verlässlichkeit, richtiger sozialer Herkunft, Parteimitgliedschaft und dergleichen zusammengestellt. Es ist zum Lachen, dass der erste Versuch meiner Mutter, als Universitätsangehörige sozusagen kultur-touristisch in die Tschechoslowakei und nach Ungarn zu reisen, deshalb misslang, weil sie auf dem Visumsantrag automatisch ihren autorisierten Vatersnamen Petrovna angab (unter dem sie auf allen ihren Dokumenten außer dem Pass aufschien) statt Paysachovna. Das war zu Beginn der 60er Jahre. Der zweite Versuch, 1968 auf Einladung von Kollegen in die DDR zu reisen, misslang ebenfalls fast: wir beide stellten einen Antrag und erhielten mangels Begründungen eine Absage, die uns bekannte Kunstwissenschaftlerin aus Leipzig zu besuchen. Unerwartet kamen uns da Mamas Peredwischniki zu Hilfe. Der Mitarbeiter des Amts31, der unser neuerliches Gesuch bearbeitete, erwies sich als Fernstudent der Geschichtsfakultät. Er bereitete sich darauf vor, Kunsthistoriker in Zivil32 zu werden, kannte den Namen meiner Mutter aus den Büchern, nach denen geprüft wurde, fasste zur Autorin Sympathie und verhalf ihr zu einem Ausreise-Visum. Und so bekam meine Mutter, eine leidenschaftliche Reisende, die den Kaukasus, Zentralasien, das Baltikum und den europäischen Teil Russlands bereist hatte, aber noch nie im Ausland gewesen war, im Alter von 56 Jahren die Möglichkeit, deutsche und andere europäische Kunst in den gotischen Domen von Naumburg und Magdeburg und in den Museen Leipzigs, Dresdens und Berlins kennen zu lernen.

Natur und Sport

Neben ihrem Beruf sowie der Literatur und Musik waren die Natur und Ausflüge aufs Land­ für meine Mutter unverzichtbar. Nicht nur die langen Universitätsferien in den Sommern wurden auf der Datscha verbracht, ab Ende der 50er Jahre mietete man von der Datscha-Genossenschaft auch Häuser für Wochenenden im Herbst und Winter. Die Verhältnisse waren sehr primitiv: Fließwasser und Wasserklosett gab es nicht, in jedem der drei kleinen Zimmer war eine Familie untergebracht, aber im Unterschied zur Gemeinschaftswohnung in der Stadt waren das Freunde und nicht zufällig zusammen gewürfelte Leute. Und das Wichtigste war, dass die Umgebung, die Karelische Landenge, damals noch relativ unberührte Natur bot. Skifahren und Schwimmen, die Lieblingssportarten in Mamas Leben zu dieser Zeit, die sie sich nicht in der Kindheit, sondern in ihren Studienjahren angeeignet hatte, konnte sie dort praktizieren. Fahrradfahren hat sie überhaupt erst mit 47 Jahren erlernt. Was ihre sportlichen Leistungen betrifft, erinnere ich mich, dass sie von ihrem 18. Lebensjahr an Morgengymnastik betrieb (Übungen für Frauen nach der Methode irgendeines Deutschen), sie niemals ausließ und bis in die letzten Jahre ihres langen Lebens fortsetzte. Angesichts ihrer Sport-feindlichen Erziehung zeugen diese nach heutigen Maßstäben bescheidenen Leistungen weniger von sportlicher Begabung als von ihrem Wunsch, mit der Tradition und dem Lebensstil von Frauen in jüdischen Schtels zu brechen.

Emigration

Mitte der 70er Jahre unterrichtet Nora am Lehrstuhl für Kunstgeschichte, und obwohl sie sich dem normalen Pensionsalter von 65 Jahren nähert, ist von einer gänzlichen Aufgabe ihrer Tätigkeit keine Rede. Mit ihren früheren Studentinnen aus den 50er Jahren, die längst schon als kunstwissenschaftliche Spezialistinnen anerkannt sind, bereitet sie ein weiteres Buch vor (siehe oben, Fall Somov).

In der Familie gab es Veränderungen: die Kinder gründeten ihre eigenen Familien, sie hatte bereits zwei Enkel, sie war nun die älteste der Ehemann, die Mutter und der Namensonkel, der Dutzende Jahre als quasi-Verwandter mit ihnen gelebt hatte, waren gestorben.

Die Möglichkeit, aus Russland zu emigrieren, erwog sie für sich persönlich nie, de facto ergab sie sich auch nicht vor den 70er Jahren (und nur für Personen jüdischer Abstammung33). Sie erachtete sich nicht als aus der historischen Heimat (Israel) entwurzelt, ihr ganzes Leben war sie mit der russischen Kultur, Sprache und Gesellschaft verbunden. Erst angesichts der offenen und verdeckten Diskriminierung empfand sie sich als Jüdin in der Bedeutung des Wortes, die sie beginnend mit Stalin in der Sowjetunion hatte, eine Bedeutung, die übrigens auch die Nazis dem Judentum gaben, nämlich nicht eines religiösen Bekenntnisses, sondern einer rassischen Zugehörigkeit.

Im Kreise unserer engsten Bekannten emigrierte bis damals auch noch niemand. Aber nun zeigt mein Mann, Noras Schwiegersohn, der Künstler Boris Rabinowich, 1975 seine Werke bei einer Ausstellung nonkonformistischer Kunst im Kulturpalast Newskij34. Es ergibt sich eine neue Situation: zum ersten Mal seit der Stalinzeit wird unsere Familie in den Augen der Führung vorgemerkt, und das verheißt nichts Gutes. Die Stimmung an der ideologischen Front verschlechtert sich rasant, die antisemitischen Tendenzen werden stärker. Der bei Juden über Jahrhunderte ausgebildete Selbsterhaltungstrieb (wofür es leider genügend Gründe gab) gibt Boris ein, dass in der gegebenen Situation die Emigration in den Westen der beste Ausweg ist, wenn er seine künstlerische Arbeit fortsetzen und darüber hinaus den Status freier Menschen für sich und seine Nächsten bewahren will. Nach der Ausstellung im Kulturpalast Newskij und insbesondere nach dem Brand im Atelier des Leningrader Künstlers Ruchin35 (eines der Organisatoren vieler Ausstellungen nonkonformistischer Künstler), bei dem Ruchin und zwei seiner Freunde verbrannten eine dunkle, letztlich nie aufgeklärte Angelegenheit ,beginnt der Exodus unter den Künstlern, übrigens nicht nur aus nationalen Gründen, obgleich alle offiziell mit israelischen Visa36 emigrieren. Darüber wurde viel geschrieben, ich werde mich nicht mit Details aufhalten, nur soweit sich darin das im Schicksal Noras spiegelt. Da sie mit der Familie ihrer Tochter lebte, war die Entscheidung zu emigrieren, eigentlich eine gemeinsame. Und dieser Entschluss war für uns alle schwer, aber meiner Meinung nach besonders für sie.

Dazu kam, dass es damals ein Abschied für immer zu sein schien (wer hätte vorhersagen können, dass 10 Jahre später für ehemalige Emigranten Reisen nach Russland zur Routine würden?) und dass vollkommen unklar war, wohin wir eigentlich fahren, was wir dort tun und ob wir den Lebensunterhalt in unserem geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Berufen verdienen können würden. Und mitten in diesem Tumult stand die Veröffentlichung des Buches Somov. Korrespondenz bevor. Die Folgen für die Mitautoren und das Buch selbst wären zweifellos fatal gewesen, hätte Mama nicht ihren Namen sowohl als Verfasserin wie als Autorin der 45-seitigen Einleitung zurückgezogen.

Wien

Etwa über ein Jahr lang reifte der Entschluss, angesichts der quasi globalen Probleme die vertraute kulturelle und sprachliche Umgebung zu verlassen, wozu konkret in der Praxis das Problem kam, wie unser Exodus vonstatten gehen sollte. Dass wir nicht nach Israel gehen würden, war mehr oder weniger offensichtlich: niemand, auch nicht meine Mutter, fühlte sich hundertprozentig jüdisch. Dazu kamen die Ungewissheit und der nur undeutliche Wunsch, möglichst in der Alten Welt, in Europa, zu bleiben. Niemand wartete irgendwo ausgerechnet auf uns, das war uns klar. Ich glaube, dass ich und Mama uns nicht vom Fleck bewegt hätten, wenn Boris nicht die bewegende Kraft gewesen wäre, sozusagen unsere Lokomotive.

Kurz gesagt, am 7. Dezember 1977 standen wir nach den quälenden Prozeduren der Zoll- und Grenzkontrollen in Leningrad im Wiener Flughafen in einer verschreckten Herde von Emigranten: ein ganzes Flugzeug, ungefähr 50 Menschen, Familien von mehreren Generationen, Einzelstehende, Greise und Kleinstkinder, veritable Auswanderer nach Israel37 und auch Abtrünnige38 wie wir Kosmopoliten. Die ersten Worte, mit denen uns ein Wiener Mitarbeiter von Sochnut39 empfing, lauteten: Invasion aus Russland.. Diese gastfreundliche Geste harmonierte mit der erniedrigenden Durchsuchung am Flughafen vor unserer Abreise aus Leningrad.

Neues Leben und Reisen

Für betagte und alte Leute waren die ersten Monate in der Emigration sehr schwer, nicht nur wegen der Wohnverhältnisse, sondern auch angesichts der unklaren Zukunft, auch betreffend das Land, wo man weiter leben würde. Ich kenne viele Fälle, in denen ältere Emigranten nicht in ihr Bestimmungsland gelangten. Sie sind auf Friedhöfen in Wien und Rom begraben..doch ein solches Schicksal blieb meiner Mutter zum Glück erspart. Da sie über eine robuste Gesundheit verfügte, das Leben liebte und nicht zuletzt mit den neuen Gegebenheiten zurecht kam, fand sie für sich ziemlich bald in der Emigration einen Daseinszweck, der im Übrigen für sie nie auf den Familienkreis beschränkt war. Außerdem kam sie mit der neuen Sprache, Deutsch, gut zurecht, sie hatte es bereits in ihren Studienjahren so nebenbei gelernt, wenngleich ihre erste Fremdsprache das von ihr geliebte Französische war und blieb.

Schon ein Jahr nach der Emigration absolviert sie im Frühling 1979 eine Tournee an amerikanischen Universitäten, mit Vorträgen über russische Kunst an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Organisiert wurde dieses Programm von einigen ihrer ehemaligen Doktoranden, die in Amerika führende Spezialisten russischer Kunstgeschichte geworden waren - Maikl Karrent (Michael Currant, Columbus, Ohio), Jannet Kennedy Indianapolis, Alison Hilton und auch Freunde aus Leningrad, Elena und Wladimir Oliker von der University of Iowa. Die Vorträge hielt sie in russischer Sprache entweder mit Übersetzern oder für Slawisten und russischsprachiges Publikum. Sie fanden im Rahmen von Konferenzen über zeitgenössische nonkonformistische Kunst in New York, an kunsthistorischen Fakultäten der Universitäten in Indianapolis oder Chicago sowie bei einer Konferenz am Jüdischen Kulturzentrum in Philadelphia statt.

Ein Jahr später, im Frühjahr 1980, fährt Nora nach Israel, auf Einladung ihrer Studentin aus den Kriegszeiten, der Schriftstellerin und Dissidentin Dora Sturman, deren Bücher über die Geschichte des Kommunismus auf russischem Boden Anfang der 70er Jahre im Samisdat zu erscheinen begannen, woraufhin die Autorin binnen kurzem nach Israel auswandern musste, um einer neuerlichen Haft im Gulag40 zu entrinnen. Diese einzige Reise meiner Mama nach Israel war für sie äußerst interessant, erweckte aber nicht den Wunsch, im Land ihrer Vorfahren zu bleiben zu sehr unterschied sich dort alles von ihrer eigentlichen Heimat Europa.

Aljoscha

Zweck dieser Reise war es nicht nur, Dora Sturman wieder zu sehen und Israel kennen zu lernen, sondern auch zu versuchen, ihrem Sohn Alexej Chayrulowitsch Machmudov als Juden eine Einladung zwecks Ausreise aus der Sowjetunion zukommen zu lassen. Angesichts seines moslemischen Vaters- und Nachnamens musste eine solche formelle Einladung von der jüdischen Mutter direkt aus Israel erfolgen. Mit großer Mühe gelang es, diese Einladung auf den Weg zu bringen. Die Ausreise ihres Sohnes Aljoscha und seiner Familie zog sich dennoch weitere schwierige sieben Jahre hin, in denen die Familie in Leningrad verfolgt wurde und die Mutter im Westen um sie bangte.

Lehr- und Vortragstätigkeit

Zwei Jahre lang, 1980-1982, lehrte Nora russische Sprache und Literatur an der Universität Cagliaris auf Sardinien. Somit war ihre letzte offizielle Aufgabe dieselbe wie die erste, jene, die sie in der Vorkriegszeit an der Leningrader Universität wahrgenommen hatte. In der Publikationsreihe dieser Universität wird ihr Artikel über den Symbolismus in der russischen Kunst veröffentlicht.

In Österreich gelang es ihr nur von Zeit zu Zeit, Vorlesungen über russische bildende Kunst am Institut für Slawistik der Universität Wien und an den Dolmetschinstituten der Wiener und der Innsbrucker Universität zu halten. Vor der Wiener Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst trug sie mehrmals über KünstlerInnen im Russland des 20. Jahrhunderts vor. 1980 nahm sie an einer vom Berliner Osteuropa-Institut organisierten Konferenz in Garmisch-Partenkirchen teil, ihr damaliger Vortrag Zur Frage des Symbolismus in der russischen Malerei und seiner Tendenzen in der zeitgenössischen russischen Kunst wurde erst 1991 im Berlin-Verlag publiziert. 1988 führt sie durch die Ausstellung Kunst und Revolution, die während der Perestroika41 aus Russland nach Wien kam. Bei dieser Ausstellung im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) konnte das Wiener Publikum die bis dahin in den Lagern des Russischen Museums und der Tretjakow-Galerie42 verwahrten Gemälde von Malewitsch, Kandinsky, Filonov und Chagall sehen, und auch Nora, die diese Werke kannte, konnte sich an ihnen öffentlich ergötzen. Ihr Artikel über diese Ausstellung erschien 1988 im Münchner Russisch-sprachigen Journal Land und Welt.

Einbürgerung und Rückkehr nach Leningrad

Ende 1987 bekommt Nora die österreichische Staatbürgerschaft43. Sie war gut integriert, interessierte sich lebhaft für österreichische Innenpolitik und die Rolle des Landes in Europa und auf globaler Ebene. Die Gewährung der Staatsbürgerschaft des Landes, in dem sie bis dahin 10 Jahre gelebt hatte, bestätigte, was meine Mama bereits empfand, nämlich ihre Zugehörigkeit zu Österreich. Außerdem eröffnete der Übergang - vom Status der Staatenlosigkeit mit Aufenthaltsrecht zu jenem der Staatszugehörigkeit mit allen Rechten - die Möglichkeit, mit weniger Schwierigkeiten als Touristin in die Sowjetunion zu reisen.

Im Jänner 1988 ereignet sich so in ihrem Leben etwas lange Zeit Ersehntes und Unvorstellbares: sie fährt als Individualtouristin, also ohne Gruppe, für einige Tage nach Leningrad. Noch Jahre davor hatte man uns gesagt: Emigranten nach Israel? Niemals wieder kommt ihr in die Sowjetunion! Seitdem reiste sie regelmäßig, alle 2-3 Jahre, nach Leningrad (später Petersburg) und traf dort Freunde und Kollegen. Zum letzten Mal war Mama 2000 im 88. Lebensjahr in Piter.

Inspiration und Neugier

Im fortgeschrittenen Alter von über 80 Jahren beriet Nora Menschen, die sich als Spezialisten oder einfach als Liebhaber dieses Teils der Weltkultur für russische Kunst interessierten. Jahrelang kamen solche Liebhaber russischer Kunst und Literatur zu ihr nach Hause: der Architekt Christian Donner, der Richter und Komponist Karl Heinz Schröder, die Slawistinnen Silvia Gaube und Karmen Pentek und die Kulturhistorikerin Waltraut Baier, mit der sie zusammen Rezensionen über zwei damals aktuelle Ausstellungen verfasste, nämlich zu Wrubel und Die Farbe Rot in der russischen Kunst.

Bisher habe ich versucht, die sozusagen professionellen Leistungen meiner Mutter nach ihrer Abreise aus Russland aufzuzeigen. Nun möchte ich auch über jene Seite ihres Lebens in der Emigration berichten, die ihr auch ungeheure Freude bereitete, obgleich sie dabei nicht schaffend war, nämlich über ihre Reisen und die Bekanntschaft mit ihr bis dahin unbekannten Seiten der Kultur.

Wie schon erwähnt, führte Mamas erste Reise ins Ausland 1968 in die DDR, es blieb auch die einzige während ihres gesamten Lebens in der Sowjetunion bis 1977. Wo sie nicht überall nach der Emigration war! In Italien, Frankreich, Deutschland, der Schweiz, den USA, England, der Tschechoslowakei, Ungarn und Israel. Dabei handelte es sich nicht um flüchtige touristische Reisen in Gruppen, sondern um ziemlich lange und wiederholte Aufenthalte in diesen Ländern und die Bekanntschaft mit Schätzen in den Museen. Die Jahre unfreiwilliger Enthaltsamkeit während ihres Lebens in der Sowjetunion wurden so mehr als kompensiert.

Besonders wichtig ist, dass Nora im Alter nicht die Fähigkeit einbüßte, Neues, von ihr vorher nicht Begriffenes und weit Entferntes aufzunehmen, dass sie ihren Horizont ständig erweiterte. Wichtig war weiters meines Erachtens in ihren letzten beiden Lebensjahrzehnten, dass sie Gasthörerin an der Wiener Universität wurde. Anfangs besuchte sie einfach nur Kurse und Seminare, die sie interessierten, beispielsweise am Institut für Judaistik bei Professor Schubert. Viele Jahre nahm sie mit großem Interesse an Übersetzerseminaren unter der Leitung von Dr. Elisabeth Markstein teil.

Eine Sehschwäche, die sich bei ihr im Alter von ungefähr 80 Jahren allmählich entwickelte, die Atrophie der Netzhaut, ein unumkehrbarer Prozess, bei dem Lesen nur mit Hilfe einer Lupe möglich wird, schränkte ihre Teilnahme an derartigen praktischen Beschäftigungen mit Texten sehr ein.

Eine echte Leidenschaft waren in ihren letzten Lebensjahren für sie die Vorlesungen und Seminare von Professor Sergej Sergejewitsch Awerinzev. Dieser hervorragende, umfassend gebildete Gelehrte, Theologe, Literaturwissenschaftler und Poet, kam Mitte der 90er Jahre von Moskau nach Wien und lehrte seit damals und bis 2003 an der Fakultät für Slawistik der Wiener Universität. Meine Mama besuchte regelmäßig zweimal in der Woche die Veranstaltungen Prof. Awerinzevs und war zweifellos die älteste seiner Hörerinnen und wahrscheinlich die älteste Studentin an der ganzen Universität.

Ausklang

Um 17 Tage verpasste meine Mutter ihren 90. Geburtstag. Dass sie ernsthaft krank war, erfuhren wir ein halbes Jahr vor ihrem Tod. Sie hatte genügend Mut, der unausweichlichen Operation zuzustimmen, und die Ärzte waren mutig genug, sich bei einer Patientin dieses Alters für den operativen Eingriff zu entscheiden. Die Operation war unvermeidlich, sonst drohten Darmverschluss und ein qualvoller Tod. Die Operation Mitte April 2002 vertrug sie gut, ungewöhnlich rasch erlangte sie wieder ihre für ihr Alter rüstige Konstitution und rang dem Tod vier Monate vollwertigen Lebens mit Baden, Waldspaziergängen und Ausstellungsbesuchen ab. Die letzte von ihr besuchte Ausstellung war die der Wandermaler, die aus Russland nach Österreich kam. Bis zum Herbstbeginn 2002 führte sie eine Art selbständigen Lebens, sie fiel niemandem zur Last, was ihr immer so wichtig gewesen war. Erst in den letzten sechs Wochen verlosch sie allmählich. Zwei Wochen vor ihrem Tod ging sie noch mit mir im Rosengarten von Schönbrunn spazieren, aber dann versagten unerwartet schnell und radikal die Beine und ein häuslicher Tod erwies sich als unmöglich. Bis auf die letzten Stunden litt sie nicht, dann gaben ihr die Ärzte kleine Dosen Schmerzmittel, die es ihr ermöglichten, bei Bewusstsein und ohne Qualen zu sterben. Sie starb am 17. Oktober 2002 im Spital. Ich danke Gott, dass wir drei - meine Mutter, ich und meine ältere Tochter Julya - die letzten Stunden ihres Lebens gemeinsam verbringen konnten. Für uns war es das erste Sterben, das wir mit eigenen Augen erlebten. Die Würde dieses Abschieds ist wirklich mit der einer Geburt vergleichbar, das weiß ich jetzt nicht nur vom Hörensagen. Das letzte Wort meiner Mama war ihre Antwort auf meine Frage, ob sie wisse, dass Julya und ich bei ihr seien. Selbstverständlich, sagte sie.

Schlussbemerkungen

Nora Gomberg ist am Wiener Zentralfriedhof begraben, in einem sehr schönen alten Teil, wo sowohl Konfessionslose wie Christen liegen (für jüdische Gräber gibt es einen eigenen Friedhofsteil). Was ihre Ruhestätte betrifft, hatte Mama keinerlei Wünsche geäußert und ich ging nach meinen Kenntnissen über ihre Einstellung zu dieser Frage vor. Allerdings: Obwohl auf ihrem Grab außer dem Namen und den Lebensdaten keinerlei Symbole und Zeichen sind, geht ein im Hintergrund von Efeu umranktes, auf einem zweiten Grab stehendes Kreuz optisch eine Beziehung zu dem ihren ein, ganz im Sinne dieser nicht offiziellen Christin.

Bei der Feier 40 Tage nach ihrem Tod44 kamen mehr als 50 Menschen zu uns nach Hause, Verwandte, Freunde, Schüler und Kollegen, und es gab eine Foto-Ausstellung: beginnend mit Ahnenporträts (Urgroßmütter, Großmütter und Eltern E. Ps.) zeigten die Bilder sie selbst als kleines Kind, während der Schul- und Studienzeit, die erste Heirat, das erste Kind, das persönliche und berufliche Nachkriegsleben, die Emigration, die Reisen, und Nora als Urgroßmutter.

Die letzte Schautafel zeigte Fotos aus dem letzten Jahr, auch die, die bei unserem Spaziergang in Schönbrunn 17 Tage vor ihrem Tod entstanden waren. Angesichts dieser Aufnahmen gewinnt man den Eindruck, dass das Leben meiner Mutter, beginnend am Vorabend des Ersten Weltkriegs, über den Bürgerkrieg in der Ukraine, den Stalinschen Terror, den Großen Vaterländischen Krieg bis zur Emigration, nichtsdestotrotz wirklich ein glückliches war. Ihr Gesicht im Alter kann man als leuchtend bezeichnen.

Ich möchte diesen Text mit der von ihrer älteren Enkelin Julya Rabinowitsch in deutscher Sprache verfassten Benachrichtigung über Noras Tod abschließen: In tiefer Trauer und großer Ergriffenheit geben wir den Tod von Prof. Eleonora Gomberg, geb. am 05.11.1912, unserer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, bekannt. Diese bewundernswerte, starke Frau hat ihren Weg konsequent verfolgt und stets an das Gute geglaubt. Sie hat die Tiefen und Höhen dieses Jahrhunderts miterlebt und ist am 17. 10. 2002 friedlich ins Licht gegangen.

P.S.: Diesen Text habe ich im Laufe des ersten Jahres nach dem Dahinscheiden meiner Mutter Eleonora Petrowna Gomberg geschrieben. Die von mir genehmigte Übersetzung ins Deutsche stammt von einer Freundin der Familie, Gabriele Matzner, die als junge Diplomatin in den 70er Jahren an der österreichischen Botschaft in Moskau arbeitete. Ich ergänze zwei Ereignisse der letzten Jahre, die mir wichtig erscheinen: 2004 wurde im Journal Neue Welt der Kunst (3/38/2004) der Artikel In memoriam einer Lehrerin von Irina Karasik publiziert. Im Jänner 2010 wurde E. P. als Verfasserin der Einleitung und Ko-Autorin sowie Herausgeberin des Buchs Konstantin Andrejewitsch Somov. Briefe, Tagebücher, Urteile von Zeitgenossen ( Verlag Kunst, 1979) rehablilitiert, wenngleich nur in Form einer Erwähnung.

1 Solche Namensänderungen entsprachen dem Zeitgeist der Russifizierung, der schon vor Stalin freiwillig einsetzte

2 1883-1936, einer der Decknamen im Untergrund; Geburtsname: Ovsej-Gerschon Aronovich Radomyslskij Apelbaum

3 Ein solches Zentrum war eine reine Erfindung Stalins

4 gemäß ihrem Pass hieß meine Mutter Paysachnowa, doch in den 20er- und 30er-Jahren wurde daraus Petrovna, und als solche schien sie auch in ihrem Diplom, als wissenschaftliche Aspirantin und Dozentin auf

5 Nestor Iwanowitsch Machno, ukrainischer Anarchist, 1888-1934

6 Symon Wassljowytsch Petljura, zeitweise ukrainischer Präsident (1919-1920), 1879-1926

7 Nikifor Grigoriev, paramilitärischer ukrainischer Führer, 1885-1919

8 Nebenbemerkung: bei der Ausfüllung des Fragebogens in der amerikanischen Emigrationsagentur bei der Ankunft in Wien 1977 wurde Nora ertappt: wie sie denn nach 5 Jahren Schulbildung in die Universität eintreten konnte? Die Mitarbeiterin der amerikanischen Gesellschaft Chias verglich die Daten des Schuleintritts (1923) mit jenen des Abschlusses (1928) und weigerte sich, solchen Angaben und Behauptungen Glauben zu schenken, denn sie hatte keine Vorstellung von den Besonderheiten russischer Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, oder auch keine Phantasie

9 Kosename für St. Petersburg, zw. 1914-24 Petrograd, danach bis 1991 Leningrad, seit wieder St. Petersburg

10 ihren Familiennamen habe ich vergessen

11 leider erinnere ich mich nicht an ihre Namen

12 Staatliche Politische Verwaltung, Geheimdienst, 1922-1934, Vorläuferorganisation des KGB

13 Lev Borisovich Kamenev, 1883-1936

14 Alexander Alexandrowitsch Blok, Poet, 1880-1921

15 Hauptstadt der sowjetischen Republik Kasachstan 1921-1993, Großvater des Apfels (der Apfel stammt aus Kasachstan), heute Almaty, größte Stadt Kasachstans, aber nicht Hauptstadt (diese ist Astana)

16 römische Schutzgötter für Haushalte und Vorräte

17 Ilja Jefimowitsch Repin, russischer Maler

18 benannt nach dem Stalin-treuen Walerian W. Kuibyschew

19 Selbstherausgabe von politisch unerwünschten Texten in der Sowjetunion; daneben gab es Tamisdat, die Publikation von aus der Sowjetunion hinaus geschmuggelten Texten im Westen

20 Blockade Leningrads durch deutsche (und finnische) Truppen, vom September 1941 bis Jänner 1944, ca. 1,1 Millionen Tote unter der Zivilbevölkerung

21 wie dies genau vor sich ging, weiß ich nicht

22 Barin nannte man Gutsherren, Kleinadelige, Verkleinerungsform: Bartschik

23 In kommunale Wohnungen wurden von den Behörden Wohnungssuchende ohne Wahl- oder Einspruchsmöglichkeit eingewiesen, es handelte sich sozusagen um WGs auf unfreiwilliger Basis.

24 Kosmopolitismus, als Weltbürgertum generell auch positiv besetzt, war in der Sowjetunion, speziell unter Stalin, ein Vorwurf vor allem gegenüber Juden, denen man Heimatlosigkeit und internationale Kollaboration mit anderen Juden sowie exklusive Loyalität gegenüber Israel unterstellte, mit einem Wort eine Variante von Antisemitismus.

25 Michail Alexandrowitsch Wrubel, russischer Maler, 1856-1910

26 russische Wanderaussteller im 19. Jhdt., im Westen heute vor allem als Realisten bekannt;

27 Konstantin Andrejewitsch Somov, russischer Maler, 1869-1939

28 Fortsetzung dieser Geschichte: am 22. Jänner 2010, als Nora bereits viele Jahre in der Wiener Emigration lebte, läuft im TV-Kanal Kultur der Film Blätter im Wind zu Konstantin Somov. Darin wird die 1979 im Verlag Kunst erschienene grundlegende Arbeit Konstantin Somov, Briefe, Tagebücher, Einschätzungen von Zeitgenossen erwähnt. Im Zusammenhang mit dieser Publikation wird die Geschichte des freiwilligen Verzichts E. Ps. auf die Erwähnung ihres Namens als Mitautorin, Herausgeberin und alleinige Autorin des Vorworts wieder gegeben. Es ist erfreulich, den Triumph der Gerechtigkeit zu erleben.

29 Sammlung russischer Kunst in St. Petersburg, begonnen unter Zar Alexander III (1845-94)

30 Sowjetischen Satellitenstaaten in Mittel- und Osteuropa, wie Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, DDR, Bulgarien etc..

31 für solche Reisegenehmigungen war lokal das Owir zuständig

32 Spottbezeichnung für Spitzel, die vom Geheimdienst in diverse Berufe eingeschleust wurden

33 nach einem Abkommen zwischen UdSSR und den USA konnten Juden aus der Sowjetunion emigrieren; Nur Deutsche hatten generell ebenfalls eine Chance, die Sowjetunion (Richtung BRD) zu verlassen, für andere Sowjetbürger war Emigration (und weitgehend auch Reisen) de facto unmöglich

34 Dieser Palast befand sich nicht im Zentrum Leningrads, die Ausstellungen beschränkten sich auf 2-3 Tage, die Teilnehmer wurden von der Staatsmacht notiert, der Andrang war dennoch enorm, nur 2 solcher Ausstellungen fanden statt, bevor diese Tür wieder zugemacht wurde.

35 Jewgeni Ruchin, 1943-1976

36 Israel hatte zu der Zeit keine Botschaft in der UdSSR, es wurde von den Niederlanden vertreten, diese stellten die Visa für die jüdischen Emigranten aus, Durchgangsland (Transit) war Österreich.

37 Solche zur Einwanderung in Israel entschlossene Auswanderer aus der Sowjetunion wurden Repatrianten genannt, gemäß der Vorstellung, dass alle Juden weltweit aus dem Gebiet des heutigen Israel stammen;

38 ein abfälliger Ausdruck, mit dem in der sowjetischen Diktion (lingua sovietica) Menschen bedacht wurden, die abweichen, spalten, sich abspalten;

39 jüdische Organisation, für Hilfe an nach Israel weiter reisende Emigranten zuständig;

40 System staatlicher Lager, zumeist in unwirtlichen, isolierten Gegenden mit extrem schwierigen Lebensbedingungen

41 wörtlich Umbau, der Versuch des sowjetischen kommunistischen Parteiführers/Generalsekretärs Gorbatschow, die Sowjetunion zwecks ihres Erhalts zu modernisieren

42 nach der Petersburger Ermitage die zweitgrößte Sammlung russischer Kunst, in Moskau, alimentiert und benannt nach dem Kaufmann und Schriftsteller Sergej Michailowitsch Tretjakow (1892-1937)

43 dank beruflicher Erfolge erhielten Boris und Nina diesen Status schon nach vier Jahren.

44 eine russische Tradition, da man davon ausgeht, dass nach 40 Tagen die Seele den Körper endgültig verlässt