Meine erste Mallehrerin

Was alles unser Schicksal nur bestimmen kann: der Ort und die Zeit unserer Geburt; die Familie, in die man geboren wird; die von Geburt in uns gelegte Talente und Begabungen, die Begegnungen auf dem Lebensweg. Ein von wichtigsten Ereignissen für meine Zukunft war die Bekanntschaft mit der Malerin Ewgenia Erofeewna Bogdanowa und die Jahre, die ich ihre Schülerin war.
Als ich 12 Jahre alt wurde, entschloss meine Mama, dass es die Zeit für den regulären Zeichenunterricht gekommen ist. Zeichnen liebte ich von frühere Kindheit an, wie auch alle Kinder es tun, falls es ihnen nicht ausgetrieben wird. Farben und Pinsel waren zu Hause immer vorhanden, weil mein Vater, ein Mathematiker von Beruf, auch ein ganz guter Amateurmaler gewesen war. Meine Mutter, eine Dozentin der Kunstgeschichte an der Leningrader Universität, nahm mich, damals Zwölfjährige, einmal in die Uni mit und stellte mich einer ihren Kollege vor, Ewgenia Erofeewna Bogdanowa, die die zukünftigen Kunsthistoriker im Fach Malerei, Zeichnung und Komposition lehrte. An unsere erste Stunde kann ich mich gut erinnern: ein leeres Auditorium, eine ältere Frau mit leicht orientalischen Äußerem im dunkelblauen Nadelstreifkostüm, schlank und sehr konzentriert in ihrem Blick und ihren Bewegungen. Sie stellte vor mir ein Körbchen aus Birkenrinde. Ich musste es mit Bleistift zeichnen um die Straffuhren zu lernen. Ich wurde von der Einfachheit der ersten Aufgabe überrascht, sie hat sich allerdings als ziemlich kompliziert entpuppt. Der weitere Unterricht hat dann bei uns zu Hause und in der Wohnung von Ewgenia Erofeewna stattgefunden.
Anfangs zeichnete ich Gipsabgüsse, Körbe, Hocker, Masken und Stillleben. Dann - endlich – malte ich in Aquarell. Ewgenia Erofeewna war in erster Linie Malerin, keine Grafikerin, in mir fand sie eine begeisterte Schülerin, mir war die Farbe immer wichtiger, als die Linie.
Auch jetzt ist es mir immer eine Freude nach dem obligaten Vorzeichnen zu den Farben überzugehen. Nach den Stillleben sind die Portraits und die Skizzen der Figuren gekommen, die ich als Hausaufgaben machen musste. Ich quellte meine Angehörige und Freunde mit dem langen Verharren in verschiedenen Posituren. Damals konnte meinen Bleistift auf keinem Fall flink nennen .
Es schaute mit dem Fach „Landschaftsmalerei“, eine besondere Spezialität meiner Lehrerin, der Schülerin des bekannten russischen Landschaftsmaler Rylow, schwieriger aus. Ich erinnere mich an sehr seltene Ausflüge in die Natur zum Malen. Zum ersten mal geschah es in die Gegend nahe Leningrad an der Küste des Finnischen Meerbusens. Mein Vater, der Universitätskollege meiner Mutter, Kunsthistoriker und Maler Walentin Jakowlewitsch Brodsky und Ewgenia Erofeewna waren dabei. Die zwei ersten malten heiter die Landschaft und ich kämpfte mit der Darstellung einiger Kiefern und Sandhügel der Küste entlang. An einige Bemerkungen meiner Lehrerin über die Luftperspektive, wie die Farben in der Natur sich wegen der Entfernung verändern, erinnere ich mich. Die Worte Walentin Jakowlewitsch Brodsky haben mich überrascht:“ Wenn ich nach Hause komme, stelle ich die Skizze mit der Vorderseite zu Wand und schaue sie erst in zwei Wochen an. Dann werde ich erfahren, ob es etwas Gescheites geworden ist oder nicht.“
Auch jetzt noch höre ich diese seine Worte und die Bemerkungen Ewgenia Erofeewna über die Schattierungen der Kieferrinde in lila. In ähnlichen Situationen im Laufe meines ganzen Lebens erinnere ich mich an den Ausflug. Ebenso fällt mir jene Aussage meiner Mallehrerin in einer konkreten entsprechenden Situation ein:“Wenn du unentschlossen bist, wie du ein Bild angehen kannst, z. B. eine Komposition, nimm deine Farben und Pinsel, vorbereite dir den Arbeitsplatz, überprüfe alle Malutensilien und … es wird wie von selbst gehen!“. Oder: „ Damit du das richtige Ausmaß der Beleuchtung eines Gegenstandes im Stillleben beurteilen kannst, richtig die Unterschiede zwischen dem Licht, Schatten, Halbschatten und dem reflektierenden Licht innerhalb des Schattens einzuschätzen willst - kneife die Augen zusammen, dann siehst du das Wichtigste, alles wird sich auf dem richtigen Platz finden.“. Während unseren Stunden, besonders denen von ihnen, die in der Zweizimmerwohnung meiner Lehrerin in Tschaikowskystraße um die Ecke von dem Kai Fontanka Flusses stattfanden, hörte ich viele weise Sprüche. Wie über die Kunst, als auch über das Leben. Über die Farbverhältnisse: „Vergleiche, immer vergleiche, nicht einfach „rot“, sondern wie dieses rot mit der angrenzenden Farbe ausschaut“- Oder: „Das Leben ist ungefähr drei mal so kurz, wie es dir erscheint. Versuche das zu schaffen, was du dir vorgenommen hast“.
Ich kann mich auf ein Gespräch zwischen meiner Mutter und Ewgenia Erofeewna erinnern. Mama, die über „Wandermaler“, die russische Realisten der zweiten Hälfte des 19. Jht geschrieben hat (obwohl Wrubel und Somow auch das Thema ihrer Forschung waren) vergleicht die französische Impressionisten mit ihren russischen Kollegen und Zeitgenossen. Sie meint, die Franzosen „leuchten, aber geben keine Wärme“. Sie meint dabei, dass außer der Ästhetik der Übergabe des Lichtes und der Luft in ihren Bildern, stellen die Impressionisten keine soziale Fragen und deuten keine psychologische Probleme an. Ewgenia Erofeewna aber kontert: „Nein, sie geben auch die Wärme weiter“. Sie war aus diesem Grund auch so beliebt unter den Studierenden, weil sie ihre Sichtweise als Malerin ihnen beibrachte. Sie zeigte ihnen, wie die Bilder in erster Linie als malerische Meisterwerke zu betrachten seien und nicht unter historischen, psychologischen und sozialen Aspekten.
Einen hohen Stellenwert legte sie auf die Farbenlehre, wie die Kontraste und Farbnuancen, die unmittelbar neben einander im Bild sich befinden, auf einander wirken. Dieser Zugang zum Unterricht in dem Institut für Kunstgeschichte war eine Seltenheit, besonders in der Zeit der 1950- 1960 Jahren in der UdSSR. Die Impressionisten waren erst kurze Zeit nach Stalins Tod „rehabilitiert“.
Unter anderem, war es Ewgenia Erofeewna, die geglaubt und es als erste ausgesprochen hat, dass ich eine Malerin sein werde. Ich war in meiner Jugend mir selbst nicht besonders sicher. Einmal kamen wir ins Gespräch auf meinen zukünftigen Beruf. Es schien mir eine Künstlerin zu werden sei etwas unerreichbar Hohes. Also gut, ich lerne malen und zeichnen dazu, aber genau so nehme ich Stunden in Klavierspielen und Deutsch, alles außerhalb des Schulprogramms. Würde meine bescheidene Begabung für so einen hervorragenden Beruf als Malerin reichen? „Natürlich, kannst du Malerin werden. Wofür kommst du zu mir, wenn nicht dafür?“- sagte Ewgenia Erofeewna. Man muss sagen, von meinen Eltern habe ich so etwas nicht gehört. Mein Vater war ein Mathematiker, hat mich für begabt in der Richtung gehalten und machte sich Sorgen: würde ich nach der achten Schulstufe in ein Kunstgymnasium gehen, würde ich eine schlechte Allgemeinbildung bekommen. Das hat sich als gegenstandslos erwiesen – der Unterricht war dort in allen Gegenständen auf hohen Niveau, auf keinem Fall niedriger, als in anderen Gymnasien. Nach dem Kunstlyzeum (so heißt jetzt meine damalige Schule Nr.190) wurde ich in die Muchina Kunsthochschule (ist der Universität für angewandte Kunst in Wien identisch) aufgenommen. Unter den dort unterrichtenden Professoren waren einige bekannte Künstler, aber keiner hat mich so wie Ewgenia Erofeewna geprägt.
Der begabteste Professor der Malerei war Walerij Watenin, ich mochte seine Bilder sehr, aber der Unterricht war nicht seine Stärke.
Ich wurde Malerin und habe es kein einziges Mal bereut. Neben meiner eigenen kreativen Tätigkeit ist der Unterricht ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Ich begann in dem Kunststudio des Pionierpalastes in Leningrad 1974 zu unterrichten. Nach meiner Übersiedlung nach Wien 1977 leite ich die Mal- und Zeichenkurse für Erwachsene, Jugendliche und Kinder in Volkshochschule, in meinem Atelier und Workshop in Österreich, Tschechien und Russland. Sehr oft in einer konkreten Situation des Unterrichtes, stelle ich mir vor, was hätte an meiner Stelle Ewgenia Erofeewna diesem oder jenem Schüler gesagt.

Wien, Dezember 2014.