Der Vortrag im Studentenzentrum in Eremitage, Workshop „Über Maltechnik des Aquarells“, 2009.

Historische Skizze

Die Maltechnik der Aquarellmalerei gibt es seit fast 2000 Jahren, sie ist viel älter als die Ölmalerei und im laufe der Zeit wurde sie unterschiedlich beurteilt. Entstanden ist diese Maltechnik gleichzeitig mit dem Entstehen des Papiers in China und wurde nach und nach in Europa übernommen, wo sie lange Zeit als zweitrangiges Gebiet der Malerei, die kein großes Ansehen hätte, gegolten hat. Die Aquarellarbeiten der Renaissance, die als selbständige Werke angesehen werden, sind äußerst selten. In der grafischen Sammlung Albertina in Wien werden die Aquarellmeisterwerke Albrechts Dürer aufbewahrt: „Der Hase“, „Das große Rasenstück“ und die Landschaften. Es sind eher Ausnahmen, als die Regel, üblich erweise dir Aquarelltechnik für Skizzen, kolorierte Zeichnungen und Architekturentwürfe eingesetzt. So wurde Aquarell in Renaissance und Barock als Vorbereitingskizzen für die großformatige Fresko oder Bilder eingesetzt, zum Beispiel, die Skizzen für Tiepolos Deckenfresko im Treppenhaus der Würzburger Residenz. Ein besonderer Platz hat das Aquarell in der Malerei der englischen Maler des 18. und 19. Jht . Bei ihnen ist das Aquarell nicht bloß eine Skizze für das spätere Bild, sondern ein selbstständiges Werk (William Turner, William Blake). Im 19. Jht wenden sich solche berühmte Maler wie Eugène Delacroix, Alexander Ivanov, Honore Domier zum Aquarell. Die wirkliche Blütezeit fällt auf das Ende des 19. - Anfang des 20. Jht. Ilja Repin, Wassiliy Surikow, Michail Wrubel, Walentin Serow, die Postimpressionisten Paul Cézanne, Paul Signak, Henri Matisse, Kuzma Petrow-Wodkin, Konstantin Somow, Expressionisten August Make, Egon Schiele und Emil Nolde – Aquarell wurde in ihrer Arbeit eine gleichberechtigte Technik zu Öl und Tempera.
Aus der Reihen der späteren Maler, die meisterhafte Aquarellisten der sowjetischen Periode nenne ich Wladimir Lebedew, Nikolai Tyrsa, Arthur Fonvisin, die Maler -Animalisten Wassili Watagin und Ewgeniy Tscharuschin.

Die Technik des Aquarells

Aquarell ist eine vielseitige Technik, man kann sie sehr unterschiedlich einsetzen und damit die konträre Effekte erreichen. Aquarell kann wie Samt weich und fließend wirken (wie zum Beispiel japanische Aquarell- oder Tuschmalerei) oder farbstark „alla prima“, sowohl auf Untermalungen wie auch auf Lasierungen verzichtend (Emil Nolde). Man kann diese Technik als eckig und mosaikähnlich erleben in den Arbeiten auf dem trockenen Papier bei Paul Cézanne oder Wrubel oder mit feinsten Übergängen in den Bildern der Mitglieder des Künstlerkreises „Welt der Kunst“. Mit einigen dieser Maltechniken werden wir uns im Laufe des Workshop vertraut machen.
Eine Besonderheit des klassischen Aquarells in Vergleich mit den anderen Maltechniken ist das Wegfallen der weißen Farbe und anstatt der Verwendung des unberührten Papiers als hellsten Ton. Mit Hilfe der Lasierungen (Auftragen der Farbe in durchsichtigen Schichten über den schon getrockneten anderen Farbschichten) kann man verdunkeln und die ursprüngliche Farbe verändern. Es ist jedoch viel komplizierter die entstandene Malerei aufzuhellen. Aus diesem Grund ist diese Maltechnik, die üblicherweise als erste von den Einsteigern verwendet wird, auf keinem Fall als die Leichteste zu verstehen, ehe im Gegenteil. Sie verlangt von dem Maler eine strenge Disziplin bei der Auswahl: welche Farbnuance wird gesucht, eine kalte oder eine warme, eine dunkle oder eine helle.

Die Ölmalerei kann einiges korrigieren und sogar Fehler verschleiern. In Aquarell ist es gar nicht so einfach, die Aufmerksamkeit des Malers verlangt höchste Präzision.
Seit 50 Jahren arbeite ich hauptsächlich in Aquarell und bleibe den russischen Aquarellfarben „Leningrad“, jetzt „St. Petersburg“, treu. Trotz dessen, dass es die Farben der deutschen Hersteller Schminke und englischen „Winsor & Newton“ von guten Qualität sind, verwende ich sie nur beschränkt in meine Palette.

Persönliches

Einen besonderen Stellenwert in meinem professionellen Werdegang hat die Begegnung mit der hervorragenden Malerin Warwara Bubnowa, eine Vertreterin der russischen Avantgarde der Anfang des XX Jahrhunderts. Sie ist Mitte zwanziger Jahren nach Japan ausgewandert und hat dort dreißig Jahren verbracht. Nach ihrer Rückkehr in den fünfzigern Jahren vertrag sie in ihrem fortgeschrittenen Alter das Klima in Moskau oder St. Petersburg (Leningrad) nicht mehr. Sie ließ sich in der Stadt Suchumi an der Schwarzmeerküste nieder, da dort die klimatischen Bedingungen denen in Japan ähnlich waren. Dort lebte sie zusammen mit ihrer Schwester, einer Geigerin, noch viele Jahre bis zu ihrem Tod. Ihre Bilder, die frisch und innovativ blieben, wurden in mehreren Städten des Landes in „Wanderausstellungen“ gezeigt. Ich besuchte solche Ausstellung Anfang der sechzigern Jahre in Künstlerverband LOSH in Leningrad und wurde 1965 der Malerin in Suchumi vorgestellt. Ich zeigte ihr meine Studien, ihre Bemerkungen über meine Arbeiten beeindruckten mich tief. Sie schlug mir vor eines ihrer Aquarellbilder auszusuchen um mir zu schenken! Eine Geste, die mich sehr berührte. Dieses Geschenk – ein mittelgroßes Bild aus der japanischen Periode „Mensch und Weg“ hat mich überall begleitet und hängt jetzt in meinem Zimmer in Wien.
Ich besuchte Warwara Bubnowa noch einige Male, traf sie 1977 kurz vor meiner Auswanderung aus Russland. Was in ihrer Aquarellen und Holzstiche so frappiert, ist die Kombination des in Japan angeeigneten Minimalismus und der Ausdrucksstärke der Post- und Expressionisten.
Wahrhaftig! Sie vereinte in sich den Osten und den Westen und arbeitete bis in ihr hohen Alter. Es fehlte an der Druckpresse für Holzschnitte – sie konzentrierte sich an der Aquarellmalerei. Die Bilder waren unglaublich frisch und kühn, die Künstlerin war über neunzig Jahre alt!

Über den Zyklus „Ewigkeit“

Der Zyklus besteht aus einer Reihe Aquarellblätter, in einigen Fällen sind Buntstifte und Graphit auch dabei. Das Thema der Ewigkeit wird nicht immer todernst behandelt und ich hoffe, die Zuschauer werden in meinen Lösungen auch die komische Seiten des Überganges in Jenseits entdecken. Nach den Aquarellen entstand eine Mappe mit 10 Motiven in der Technik des Pigmentdruckes auf Büttenpapier, jedes grafische Blatt wird von einem Textkommentar begleitet, der die historische Information zum Sujet der Darstellung vermittelt und ein Literaturzitat aus unterschiedlichen Quellen, ob Hölderlin, Rainer Maria Rilke, Alten Testament, Heinrich Heine, Sprüche aus Alten Ägypten u.s.w. Für mich besteht ein besonderer Reiz in der Gegenüberstellung der luftigsten aller Maltechniken - des Aquarells – und die Darstellungen der massiven Denkmäler der vergangenen Epochen, der Kolosse aus Granit oder erstarrten Grabmäler des Mittelalter.